Die innere Haltung des Beobachtens

Zusätzliche Lektion für Schritt 3 der 
MBEID-Grundmethode

Still sein und beobachten

 

Wenn wir Achtsamkeit üben, trainieren wir unseren Geist. Insbesondere entwickeln wir unsere Fähigkeit, bewusst und gewahr zu sein. Wir werden uns bewusst, was unsere Sinne wahrnehmen – insbesondere unsere Gedanken und Gefühle. Vorher hatten wir vielleicht ein unscharfes Bild. Jetzt ist es schärfer. Denn Achtsamkeit entwickelt ein Bewusstsein mit einer „höheren Auflösung“.

Indem wir uns selbst beobachten, entdecken wir nützliche Informationen über uns selbst und insbesondere darüber, wie unsere Gedanken und Emotionen funktionieren. Dies führt zu einem besseren Selbstverständnis. Ein besseres Selbstverständnis gibt uns eine große Kraft. Es eröffnet die Möglichkeit, zu wählen, wie wir uns auf unsere Erfahrungen beziehen. Es gibt uns die Möglichkeit, objektiver zu kommunizieren.

Die meisten Menschen haben die Angewohnheit, sich mit ihren Lebenserfahrungen zu identifizieren. Wenn uns zum Beispiel jemand fragt, wie es uns geht, antworten wir: „Ich bin glücklich“, „Ich bin wütend“, „Ich bin gesund“ oder „Ich bin krank“. Die Art und Weise, wie wir antworten, erweckt den Eindruck, dass wir unsere Gedanken und Gefühle sind.

Aber wir sind nicht unsere Gedanken und Gefühle! Diese sind nur vorübergehende Ereignisse. Fünf Minuten später werden wir nicht mehr wütend oder glücklich sein. Und schon morgen könnten wir wieder gesund sein.
Achtsamkeit bietet uns eine großartige Gelegenheit, auf andere Weise mit unseren Gedanken und Emotionen in Beziehung zu treten. Anstatt uns mit ihnen zu identifizieren, können wir sie als Erfahrungen sehen.

Aus der Perspektive einer Erfahrung sehen die obigen Beispiele von Emotionen folgendermaßen aus:
Ich bin glücklich. -> Ich erlebe Glück.
Ich bin wütend. -> Ich erlebe Wut.
Ich bin krank. -> Ich erlebe Symptome einer Krankheit.

Wenn wir Erfahrungen als Grundlage verwenden, um uns persönlich zu identifizieren, werden Emotionen zu einem existenziellen Problem. Zum Beispiel: Wenn jemand etwas sagt, das unsere Gefühle verletzt, fühlen wir uns persönlich angegriffen. Es wird zu einer existenziellen Bedrohung und aktiviert unsere instinktive Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Diese gibt uns den Impuls, uns entweder emotional oder körperlich zu distanzieren oder zurückzuschlagen.

Wenn wir unsere Wahrnehmungen als eine Erfahrung betrachten, schwächt es den Impuls der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Wir verstehen, dass das, was die andere Person gesagt hat, eine schmerzhafte Erfahrung in uns ausgelöst hat. Wir sehen es nicht als persönlichen Angriff. Wir können Verantwortung für unsere Reaktion übernehmen und untersuchen, warum diese ausgelöst wurde.

Höchstwahrscheinlich wollte die andere Person diesen Schmerz nicht verursachen. Vielleicht berührten die Worte der Person in uns eine schmerzhafte Erinnerung an eine vergangene Erfahrung mit jemand anderem und ließ sie uns noch einmal erleben. Wenn wir uns auf diese Weise auf Emotionen beziehen, gibt es viel mehr Möglichkeiten, zu antworten und reagieren, als im ersten Szenario.

Diese Ansichtsweise ist auch vorteilhaft, wenn wir körperliche Beschwerden oder Schmerzen haben. Wenn wir unangenehme oder schmerzhafte Erfahrungen machen und uns mit ihnen identifizieren, fügen wir ihnen durch emotionale Reaktionen wie Abneigung, Angst oder Depression viel zusätzliches Leid hinzu. Viele Menschen mit chronischen Schmerzen haben festgestellt, dass das bloße Erfahren des Schmerzes auf einer körperlichen Ebene und das Verständnis, dass diese Empfindung eine Erfahrung ist, sehr hilft, mit dem Schmerz besser zurechtzukommen, und das Ausmaß des Leidens erheblich verringert.

Nehmen wir mal an, du hast Schmerzen. Anstatt dich mit dieser Erfahrung zu identifizieren, was unter Umständen Emotionen und Gedanken mit sich bringt, wie „Das ist so schrecklich“, „Ich kann das nicht mehr aushalten“ oder „Das wird nie aufhören“, kannst du lernen, mit deinen Schmerzen auf der Ebene der Moment-zu-Moment-Erfahrung deiner Sinne umzugehen. Du lenkst deine Aufmerksamkeit einfach auf die Gewahrsamkeit deiner Empfindungen. Das könnte ein stechendes Pulsieren, Wärme, ein Prickeln in einem Körperteil oder die Verspannung eines Muskels sein. Das Bewusstsein der direkten, körperlichen Empfindungen hilft dir, mit dieser Erfahrung konstruktiv umzugehen. Zum Beispiel hilft es dir, bewusst zu überlegen, was du tun kannst, um den Schmerz zu vermindern, oder was dir im Augenblick auf der praktischen oder emotionalen Ebene helfen könnte.

Oder nehmen wir mal an, du hast eine Tendenz, mit Angst zu reagieren. Nach einigem Üben wirst du vielleicht in deiner Praxis schnell erkennen, wenn das Gefühl der Angst anfängt. Gefühle manifestieren sich nicht nur als Energie und Gedanken, sondern auch auf einer körperlichen Ebene, zum Beispiel als Hitze, Intensität oder Spannung im Bauch.

Wenn du dich dann an diesen Rat erinnerst, deine Angst als Erfahrung zu sehen, wirst du wissen, wie du mit dieser Emotion umgehen kannst. Das könnte beispielsweise wie folgt aussehen: Du erkennst gleich, was du fühlst. Anstatt zu denken, dass du Angst hast, und dich mit der Angst zu identifizieren, sagst du dir: „Ich erfahre gerade Angst.“ Dann erlaubst du es dir, für einen Moment mit der Erfahrung präsent zu sein, zum Beispiel mit der Empfindung von Hitze, Intensität oder Spannung im Bauch. Du bist dir bewusst, was du fühlst, und beziehst dich auf diese Empfindung als Erfahrung. Du wechselst von der Einstellung „Ich habe Angst“ zu „Ich erfahre unangenehme Empfindungen in meinem Bauch“. Und dann überlegst du dir bewusst, wie du mit dieser Erfahrung am besten umgehen kannst.

Im Achtsamkeits- und Emotionale-Intelligenz-Training nennen wir diesen Perspektivwechsel einen Wechsel von der „existentiellen Identifikation“ zur „persönlichen Erfahrung“. Das ist eine ausgesprochen subtile Verschiebung. Es wird einige Zeit und regelmäßige Übung erfordern, bis du das voll verstehst, und noch länger, bis du das vollständig aktualisieren kannst. Ich erkläre das jetzt, weil ich dir einen Ausblick auf die Vorteile der Achtsamkeitspraxis geben möchte.

Die Theorie, die hinter der Achtsamkeitspraxis steht, hilft dir, zu verstehen, dass die MBEID-Grundmethode zwar einfach ist, aber viel Tiefe hat. Sie erklärt dir, wie du die nötige Kraft bekommst, um dich von instinktiven und unbewussten emotionalen Reaktionen zu befreien. Sie gibt dir die innere Freiheit, bewusste Entscheidungen zu treffen, die deinem besten Interesse dienen.

Wenn dir das oben Genannte im Moment etwas abstrakt ist, mache dir keine Sorgen. Auch wenn das im Augenblick zu fortgeschritten erscheint, ist es hilfreich, den gesamten Prozess des Achtsamkeitstrainings zu verstehen. Die Theorie ist deine Landkarte und die Anweisung für deine Reise durch die Achtsamkeitsentwicklung. Beim Üben geht es dann darum, die Reise zu beschreiten.

Es wichtig, dass Theorie und Praxis im Gleichgewicht sind. Die Theorie zu studieren und zu verstehen, ist wichtig. Aber unser Verständnis in der Praxis anzuwenden, ist noch wichtiger. Wenn wir unsere praktische Anwendung trainieren, ist es wichtig, nicht zu viel über die Theorie nachzudenken, und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, die Erfahrung des gegenwärtigen Moments zu kultivieren. Zuviel Nachdenken und Analysieren zieht uns aus der Gegenwart.

Vergiss beim Üben nicht, dass die MBEID-Grundmethode eine sehr einfache Übung ist:
• Anhalten
• Drei tiefe Atemzüge
• Still sein und beobachten
• Überlegen, was am wichtigsten und als Nächstes zu tun ist.

Viel Erfolg und viel Spaß beim Üben